Licht ist das wertvollste Gut beim Fotografieren. Neben der goldenen und blauen Stunde bieten Städte speziell nach Sonnenuntergang ein besondere Art von Licht. Das künstliche Licht von Straßenlaternen, Gebäudebeleuchtungen und der Mond zeigen dann Details, die am Tag unsichtbar sind und Motive, die vorher nicht da waren. Es entsteht somit oft eine ganz andere Stimmung, die man mit den richtigen Kameraeinstellungen wunderschön einfangen kann.
Zusätzlich bieten sich einem Gestaltungsmöglichkeiten, die man oft am Tag gar nicht oder nur mit teurem Fotoequipment aufnehmen kann. Kurz gesagt, „Nachtaufnahmen machen richtig Spaß!“

Im folgenden Beitrag zeigen wir euch, wie ihr selbst ganz einfach Nachtaufnahmen machen könnt und was ihr dabei auf eurer Kamera einstellen müsst. Alle Fotos sind mit einer Fujifilm X-T2 und einem Stativ entstanden. Die genaue Ausrüstungsliste befindet sich am Ende des Beitrags. Die Fotos selbst  sind noch ganz frisch und stammen von unserem kürzlichen Prag Städtetrip. 

Unsere Vorgangsweise bei Nachtaufnahmen

  1. Die Kamera auf ein stabiles Stativ montieren
  2. Bildstabilisierung des Objektivs deaktivieren (auch VR für Vibration Reduction & Co. genannt)
  3. Ausschnitt wählen 
  4. Niedrigste ISO Zahl wählen, z.B. 100
  5. Eine geschlossene Blende wählen, z.B. f/13 oder f/16
  6. Eine lange Verschlusszeit einstellen, z.B. 15-30 Sekunden. Sekunden werden mit “ angezeigt, z.B. 15.“ 
  7. Selbstauslöser auf 2 Sekunden einstellen (bei Spiegelreflexkameras, falls vorhanden die Spiegelvorauslösung einschalten -> Fuji X-T2 hat keinen Spiegel, somit kann man sich das sparen)
  8. Testaufnahme machen, das Histogramm kontrollieren, ob es links und rechts nicht ansteht. Falls notwendig, die Belichtungszeit anpassen und eine Aufnahme machen.

1. Station: Nachtaufnahmen der Karlsbrücke vom Brückenturm

Insgesamt gibt es einen großen und einen kleinen Turm bei der Karlsbrücke. Man kommt auf diese relativ unkompliziert rauf und hat von dort oben einen tollen Blick über die Karlsbrücke. Natürlich muss man Eintritt zahlen, der sich aber in Grenzen hält. Das Fotografieren am kleineren Turm war um etliches entspannter als auf dem höheren Turm, weil viel weniger Leute dort waren und sich auch niemand aufgeregt hat, dass wir ein Stativ verwendet haben. Dort ist dieses Foto entstanden:

Nachtaufnahme von Prag

Fujifilm X-T2 + XF18-135mm bei 42mm, ISO 200, f13, 30 sec.

Schwierigkeiten & Besonderheiten:

Bewegung – Die Karlsbrücke ist am Abend voll gesteckt mit hunderten Personen und die Brücke brummt förmlich mit Bewegung. Durch die Langzeitbelichtung werden nur die Menschen abgebildet, die entweder über längere Zeit ruhig stehen bleiben oder durch einen zusätzlichen Blitz aufgehellt wurden.
Verwacklungen – Man sollte bei einer Langzeitaufnahme aufpassen, dass man nicht am Stativ anstößt, da sonst alles verwackelt ist.
Überbelichtungen – Bei jedem Foto kontrollieren, welche Bereiche ausreissen (überbelichtet sind = keine Zeichnung mehr haben). Dies kann man mit der Hilfe von Histogramm & Lichterwarnung sehr gut beurteilen. Im Foto oben dürfen die Lampen ausreissen, aber die beleuchten Häuser sollten korrekt belichtet sein. Falls es hier Probleme gibt, eine kürze Belichtungszeit wählen.
Für Fortgeschrittene: Man könnte mehrere Aufnahmen mit unterschiedlichen Belichtungen machen und diese als sogenanntes HDR zusammenrechnen.
Lichtquellen, die blenden – Immer darauf achten, dass keine Lichtquellen direkt auf die Objektivlinse scheinen, da sonst Staubflecken & Co. in großem Ausmaß auf dem Foto zu sehen sind.
Bei DSLRs (Kamera mit Spiegel)  – das Okular, wo man normalweise durchschaut, abdecken, damit kein Licht von hinten auf den Sensor fallen kann. Hand-, Zettel oder Co. vorhalten oder vorhandene Okular-Abdeckung schließen.

Verwendete Gestaltungsmerkmale

  • Hell-Dunkel Kontrast  – Lichter und dunkle Flächen des Wassers, der Dächer und des Himmels
  • Warm-Kalt Kontrast – Licht ist warm, der blaue Himmel ist kalt
  • Niedriger Horizont – ein wolkenloser Himmel ist nicht seh spannend, deshalb nur so viel Himmel wie nötig auf’s Bild nehmen
  • Positionierung der hellen Gebäude weg von der Bildmitte (dezentral) bringt Spannung
  • Die Laternen der Brücke bilden eine Linie, die die beleuchteten Gebäude verbindet
  • Verschwommene Bewegung erzeugt Linien, Dynamik & Spannung

2. Station: Nachtaufnahmen 100 Meter abseits der Karlsbrücke

Um den Massen auf der Karlsbrücke zu entgehen, braucht man eigentlich nur ein Stück an den Ufern der Moldau entlang gehen und schon entspannt sich die Lage. Man ist zwar nicht alleine, kann aber in Ruhe sein Stativ aufbauen.

Nachtaufnahme in Prag leicht gemacht

Fujifilm X-T2 + XF18-135mm bei 24mm, ISO 200, f9, 30 sec.

Schwierigkeiten & Besonderheiten:

Bewegung – Auf diesem Foto kann man zwar keine Bewegung der Menschen auf der Brücke erkennen, aber das vorbeifahrende Schiff übernimmt deren Aufgabe.
Spiegelungen – Wir mussten unseren Standpunkt richtig wählen, um Teile der Spiegelung des Hradschins (die Prager Burg) am Foto zu haben.
Störende Elemente – Am Foto nicht zu sehen, aber trotzdem da. Rechts gab es ein Lokal mit störender Beleuchtung , die den Blick zu sehr vom Hauptmotiv abgelenkt hätte.
Andersfarbige Lichtquelle  – Die Straßen- und Gebäudebeleuchtung erstrahlt in einem warmen Gelb-Ton, deshalb haben wir uns über den Farbtupfer des violett beleuchteten Schiffes als Kontrast gefreut. 
Timing – Da wir unbedingt eines der Schiffe drauf haben wollten, muss man bei 30 Sekunden Belichtungszeit schon timen, wann man den Auslöser drückt. Tipp: Hier einfach Zeit nehmen und mehrere Aufnahmen machen.

Verwendete Gestaltungsmerkmale

  • Hell-Dunkel Kontrast  – Lichter und dunkle Flächen des Wassers
  • Warm-Kalt Kontrast – Licht ist warm, der blaue Himmel ist kalt
  • Etwas höherer Horizont als beim vorigen Bild, da Wolken vorhanden sind
  • Dynamische Linie von links unten nach rechts oben, die zum Hauptmotiv führt
  • Spiegelungen im Wasser verleihen eine zusätzliche Ästhetik 
  • Dezentrale Position des Hauptmotivs – Anwendung der Drittel-Regel
  • Bewegung & Farbe – das verschwommene Schiff bringt Bewegung und einen Farbkontrast ins Bild

 3. Station: Nachtaufnahmen vom tanzenden Haus

Geht man von der 2. Station einige hundert Meter weiter, kommt man zu einem weiteren Klassiker Prags. Ein viel fotografiertes Gebäude, das einen in der Nacht noch mehr verzaubert, als am Tag. Hier unsere Nachtaufnahme vom tanzenden Haus:

Nachtaufnahme tanzendes Haus Prag

Fujifilm X-T2 + XF18-135mm bei 18mm, ISO 200, f16, 13 sec.

Schwierigkeiten & Besonderheiten:

Bewegung – Hier spielen natürlich die Autos und die Straßenbahn eine große Rolle. Denn die bringen Bewegung ins Bild.
Platz zum Fotografieren – Das Foto ist direkt vor der Straße auf einer kleinen Fußgänger-Insel entstanden und wir mussten uns schon richtig positionieren, damit wir unser Stativ vor Rempeleien schützen konnten. Ab und zu haben sich einige Touristen auch direkt vor unsere Linse verirrt. Diese waren aber dann doch nicht so ausdauernd wie wir 😉
Andersfarbige Lichtquelle  – Das tanzende Haus bietet selbst etliche Farbnuancen, die uns gefallen haben. Spannend am rechten unteren Rand, die gestrichelte rote Linie: Es handelt sich hier um einen Radfahrer mit blinkendem Rücklicht.  
Timing – Ampelphasen & unregelmäßig fahrende Straßenbahnen sind gar nicht so leicht zu kalkulieren. Deshalb immer etwas geduldig sein und unterschiedliche Aufnahmen machen. Hier kann man sich auch mit der Belichtungszeit spielen und schauen, wann die schönsten Wischeffekte herauskommen.

Verwendete Gestaltungsmerkmale

  • Hell-Dunkel Kontrast  – Lichter und dunkle Flächen des HImmels
  • Warm-Kalt Kontrast – Licht ist warm, der Himmel ist kalt
  • Bunt-Unbunt Kontrast – Farben des Gebäudes & der roten Rücklichter zum Himmel
  • Linien, die durch die Rücklichter des Verkehrs entstehen
  • Dezentrale Position des Hauptmotivs – Anwendung der Drittel-Regel
  • Bewegung & Farbe – die verschwommene Straßenbahn, die Autos & der Rahdfahrer

Ergänzendes zu Nachtaufnahmen bzw. Langzeitaufnahmen

Die maximale Belichtungszeit bei den Aufnahmen oben betrug 30 Sekunden. Wenn du länger als 30 Sekunden belichten möchtest, musst du deine Kamera auf Bulb stellen. Bulb erscheint automatisch, wenn du die Belichtungszeit länger als 30 Sekunden stellen möchtest. Du brauchst dann entweder einen zusätzlichen Kabel- oder Funkauslöser, wo dann selbst steuern kann, wann die Aufnahme startet und wann sie wieder beendet wird. Kameras wie die Fujifilm X-T2 können auch über eine App gesteuert werden, die die Funktion des Kabel- oder Funkauslösers übernehmen.

Die genaue Ausrüstungsliste für Nachtaufnahmen

Die oben aufgenommen Fotos sind mit folgender Ausrüstung aufgenommen worden:

Wir hoffen, unser Beitrag hat dir gefallen und du probierst das Thema Nachtaufnahmen selber einmal aus. Schreib´uns doch einfach im Kommentarfeld, wie es dir ergangen ist oder wenn du Fragen hast 🙂

About Author

Markus Haffert

Ist der mit dem Technik-Spezialwissen bei den Fotonomaden, egal, ob’s um ein neues Kameramodell, Lightroom oder Photoshop geht. Außerdem ist er der Profi für die quirligen Motive, von Menschen bis zu Moschusochsen :-)

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